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Autorität, Emanzipation, Gesundheit und Gerechtigkeit in Zeiten von Covid-19 und anderen Krisen

– Gedanken der letzten zwei Wochen –

Seit Tagen verändert sich die Realität, die uns umgibt so schnell, dass ich meist gar nicht hinterher komme: zu fühlen, zu realisieren oder gar zu verstehen, was das alles heißt. Seit Tagen verbringe ich Stunden damit, zu lesen, zu telefonieren und zu diskutieren, allein nur, um mitzuhalten – das Gefühl zu haben, es nicht einfach über mich ergehen zu lassen…eine Illusion von Kontrolle vielleicht.
All meine Gedanken und all die Gespräche und Diskussionen, aber auch das Informationsangebot aus Artikeln und Positionen rund um Covid-19, sind begleitet von scheinbar riesigen Ambivalenzen.
So oft habe ich mir im Kampf für Klima- und Gesundheitsgerechtigkeit eine zumindest annähernd ähnliche Geschwindigkeit politischer Maßnahmen bzw. gesellschaftlicher Veränderungen gewünscht. Gleichzeitig bereitet es mir große Sorge, dass aktuell vor allem Angst die Hauptantreiberin all dieser Veränderungen ist. Genau da, wo doch viel eher ein vorausschauendes proaktives Handeln, aus Vernunft und Verbundenheit uns antreiben sollte.
Und die ganze Zeit Frage ich mich, wo liegen die reellen Chancen und deren Ansatzpunkte in dieser Krise?!

*Unser Verhältnis zu Staat und die zivile Selbstorganisation*

Es scheint, als wären wir (als politische Linke und auch als Zivilgesellschaft im Allgemeinen) es gewohnt, uns in “Parallelstrukturen” zu bewegen. Und irgendwie fühlen wir uns darin auch ganz wohl – Verantwortung abgeben, aber weiter aufregen können; darüber, dass es so langsam geht, oder darüber, dass es so schnell geht; darüber, dass “der Staat” nichts macht, oder darüber, dass “der Staat” zu viel macht;…
Und gestern habe ich noch den Satz eines Kinder- und Jugendpsychiaters gehört, “Autorität bietet Schutz.”, was sicherlich stimmt. Und doch sind die Meisten von uns keine Kinder mehr und es geht gerade auch um viel mehr, als das Verhältnis von uns zu unseren Eltern.
Es ist ein Moment, in dem wir uns (und zwar alle) ganz klar fragen müssen, wie wir uns zu “dem Staat” eigentlich positionieren wollen. Was bedeutet Emanzipation in diesen Tagen? Wie können wir handlungsfähig sein/werden/bleiben? Und wie können wir das, was passiert und was unsere Zukunft prägen wird, aktiv mitgestalten?
Einerseits musste ich mich immer wieder fragen, wo denn die zivile Emanzipation geblieben ist, wenn es aktuell für kollektiv verantwortungsvolles Handeln scheinbar massiv einschränkende autoritäre Maßnahmen braucht? Haben wir überhaupt Strukturen, die diese Emanzipation zulassen würden? Oder zeigt sich hier nicht auch schon die Abhängigkeitsbeziehung zum Staat? Dessen “Liebe” ist zwar recht eigennützig (denn sie dient dem Zweck Selbsterhalt), bisher konnten wir es uns darin jedoch auch recht bequem machen.
Und andererseits bin ich begeistert, wie viele Menschen diese Gelegenheit nutzen, zu zeigen, was Selbstorganisierung alles leisten kann: Nachbar*innenschaftshilfe, Fundraising für die Kneipe nebenan, Kinderbetreuung im Hinterhof, Solibriefe an einsame Menschen und viele geniale Dinge mehr. Auf eine Art scheinen sich Möglichkeiten aufzutun, bisher zentral geregelte Aufgaben wieder innerhalb unserer sozialen Netzwerke zu lösen.
Am Ende werden Fragen bleiben wie: ist ein autoritäres Vorgehen wie in China das “Musterbeispiel” für schnelles effektives Handeln? und entsprechen die getroffenen Maßnahmen einem demokratischen Willen, einfach nur weil sie einen Großteil der Menschen EINES Landes schützen?
Klar is auf jeden Fall, dass staatliche Macht plötzlich sehr erlebbar wird und einerseits Einschnitte in unser Leben und unsere Freiheitsrechte bedeutet und andererseits plötzlich schnelle Veränderungen möglich macht.
Selbst wenn die Dystopie nicht in Deutschland Wirklchkeit wird, so besteht doch Grund zur Annahme, dass aktuelle Ereignissen und Entscheidungen weltweite Spuren hinterlassen werden. Wie tief und sichtbar diese Spuren sind, hat sicherlich in anderen Ländern (mit anderen Staats- und Gesellschaftsformen) auch ein anderes “Potential”.
Aber seien wir ehrlich: 1. haben wir die Möglichkeit, zu entscheiden, was wir für Formen wollen, wie wir sie gestalten und ob FÜR uns, oder aber MIT uns Verantwortung übernommen wird und 2. für uns Autokratie keine echte Alternative ist. Denn zum einen sind wir eine soziale und damit nach Verbundenheit strebende Spezies und zum anderen liegt erst in gewisser Autonomie die entscheidende Prise Entfaltungspotential.

*Isolation vs. Fokus & Solidarität*

Es ist eine Art “Stille” im Außen eingekehrt. Wir sollten diese nutzen, um in unser Inneres zu hören. Die “fehlende” Ablenkung im Außen (Job, Clubs, Fußballspiele, Theater etc.) schafft die Chance, sich wieder mit wesentlichen Dingen zu befassen. Ja, stimmt, das glaube ich irgendwie auch. Doch gleichzeitig handelt es sich hier um eine absolut privilegierte Perspektive. Denn Menschen, die von zu Hause aus weiter arbeiten und nun ihre Kinder parallel betreuen; Menschen, die ihr tägliches Mittagessen nicht mehr von den Tafeln bekommen, keine Aufträge mehr für ihr Handwerksunternehmen haben, die selbst diese Theater und Clubs betreiben, die gerade schließen und an denen ihre Existenz hängt; Menschen, für die “zu Hause” auch Gewalt, oder Einsamkeit bedeutet; all diejenigen werden gerade wohl nur wenig “Stille” genießen können, um in ihr Inneres zu hören. Das Wissen über jenes Privileg unter einigen von uns, sollte uns nicht daran hindern, es zu nutzen; jedoch hilft es dabei, uns auch weiterhin die Frage zu stellen, wie können wir andere ohne jene Privilegien damit unterstützen.
Erkennen werden wir hier, dass nur Solidarität und Zusammenhalt, also social organizing als Antwort auf sozial distancing und Soziale Kontrolle uns als Kollektiv langfristig helfen wird. Es geht nicht um Kredite (im weitesten Sinne), mit denen Menschen in Abhängigkeit gehalten werden, sondern um Vorschussvertrauen und Selbstwirksamkeit. Wie wäre es jetzt z.B. mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen?!

*Angst – Verbundenheit vs. Abschottung*

Roosevelt sagte einmal “the only thing we have to fear is fear itself”.
Es gibt viele Dinge, die (im kollektiven Bewusstsein) der Menschheit, Nationen und auch Individuen in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten massive und auch reelle Existenzangst gemacht haben und auch immer noch machen. Es ist keine steile These mehr, sondern Wissen, dass Traumata, z.B. die des Zweiten Weltkrieges über Generationen weitergegeben werden und auch in den jungen Generationen heute noch weiter wirken und bestimmen, wie wir auf bestimmte Ereignisse reagieren. Auch die Klimakrise, oder die sogenannte Flüchtlings-“Krise” und der gesamte Diskurs darum hat die Menschen in den letzten Jahren stark beschäftigt. Auch hier ist eigentlich klar, dass die Welt, wie wir sie kennen früher oder später nicht mehr so existieren wird, nicht mehr so existieren kann. Das uns das Angst macht, ist keine Frage, es ist normal und es ist auch gut so. Denn es sollte die Funktion haben, dass wir überhaupt darauf reagieren. Aber wir müssen diese Ängste anerkennen und bearbeiten, um handlungsfähig zu bleiben. Selbst in “linken Kreisen”, wo diese Krisen Hauptthemen der politischen Arbeit geworden sind, passiert dies nur maximal dürftig.
Diese “Corona-Krise” scheint auf eine Art wie gerufen zu kommen, um endlich im Konkreten dem Druck anderer Krisen Luft machen zu können. Irgendwie fühlt es sich doch auch gut an, endlich eine “Krise” zu haben, auf die wir wenigsten auch klarer adressierbare Antworten kennen. Sicherlich gibt es gerade diese Dinge, die eine reelle Bedrohung darstellen. Doch sind die Reaktionen darauf verhältnismäßig, oder ist Covid-19 gerade nur eine geeignete Projektionsfläche?
Dies wäre fatal. Denn während wir in einem Modus verschobener und ausgelagerter Angst und Traumata gerade diese Corona-Krise “lösen”, werden sich unsere anderen noch viel kritischeren Probleme als Weltgemeinschaft nicht lösen – außer eben, wir beziehen sie mit ein.
Wie steht es denn z.B. um die globalen Gesundheitsperspektiven? Derzeit bedeutet Global Health ja vor allem Global Health SECURITY, also nationale Sicherheit der Gesundheit von Bürger*innen innerhalb des Staates durch Schutzmaßnahmen nach außen, wie z.B. Grenzschließung. Abschottung, “Grenzfetischismus” und “Corona-tionalismus” als Antwort auf globale Fragen – wirklich? Dies entsprich in keinster weise einem ethischen Verständnis von Menschheit, während Tausende jährlich bei dem Versuch ertrinken, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen und ein lebenswertes Leben zu führen; oder während andere Tausende gerade an der griechischen Grenze mit Tränengas und Schlagstöcken ebenfalls daran gehindert werden, eine Zukunft zu finden.
Und gleichzeitig telefonieren Menschen gerade mehrere Stunden am Tag mit Menschen in anderen Städten, anderen Ländern. Wir tauschen uns aus, teilen, wie es uns geht, was uns bewegt, sind in Verbindung, gespannt und überlegen, was zu tun ist. Wie schön wäre es, diese verbindende Energie zu erhalten und im Kontext anderer (sozialer, ökologischer, politischer,…) Krisen weiter in uns leben zu lassen.
Es braucht neue Konzepte, ein anderes Verständnis dieses Planeten – wir alle gemeinsam mit einem gleichen Ziel, ein gutes Leben für alle!

*Finger in die Wunde vs. Erkenntnisse über Notwendigkeiten*

Ja, was gerade passiert, legt auf jeden Fall den Finger in so manche Wunde.
Bis vor kurzem wurden in Deutschland noch munter Diskussionen rund um die weitere Ökonomisierung unseres Gesundheitssystems geführt. Anfang der 2000er wurden die DRGs (als Abrechungsäquivalente in der Krankenhausversorgung) eingeführt und Stück für Stück ergaben sich Dinge, wie weniger Personal und Privatisierung, sowie Schließung von ganzen Krankenhäusern. Heute merken wir auf einmal, dass diese Art von Gesundheitssystem überhaupt nicht in der Lage ist, weder personell noch infrastrukturell, auf Ereignisse aktueller Tragweite adäquat zu reagieren (Der Freitag). Wir akquirieren Medizinstudent*innen als Aushilfskräfte, holen Ärzt*innen aus dem Ruhestand zurück und binden sogar die Bundeswehr in die Klärung dieses Engpasses mit ein. Auf einmal realisieren wir also, welchen basalen Stellenwert Care-Arbeit (und zwar nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch Pflegeeinrichtungen, Psychiatrien etc. UND zu Hause) hat. Und wir zeigen uns sogar noch dankbar dafür. Ja, ich weiß, das klingt zynisch, doch es macht mich fassungslos, warum es solche Ereignisse braucht, um so etwas zu begreifen.
Auch die intersektionalen Klassenkampfperspektiven werden in so einer Krise noch einmal zugespitzt deutlich. Denn nicht alle sind von so einer Krise gleich betroffen. Soziale Determinanten (z.B. vom Zugang zu Gesundheitsversorgung) werden plötzlich noch viel sichtbarer (Freiberufler*innen, Vorerkrankte,…). Oder sie werden auch weiterhin verschwiegen (Wohnungslose, Menschen ohne Papiere,…). Wir müssen also nicht nur unter medizinischen Aspekten von “Risikogruppen” sprechen, sondern eben auch unter sozio-ökonomischen!
Und was die ersten beiden Absätze hier dann in Realität im schlimmsten Fall bedeuten können, sehen wir leider teilweise in Italien: Ärzt*innen müssen triagieren und damit entscheiden, welche der vielen Patient*innen z.B. beatmet werden und damit evtl. überlebenswichtige Versorgung bekommen und welche dafür “zu alt”, oder “zu krank” sind und damit höchst wahrscheinlich versterben.
Wir haben also dazu auch noch den Finger in der Wunde “Schwäche des Sozialsystems”. Tafeln schließen und Menschen bekommen ihre tägliche warme Mahlzeit nicht mehr, oder die Tafeln sind noch geöffnet, werden dann aber von mehrheitlich ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen betrieben, die auch allzu häufig selbst zu der medizinischen Risikogruppe gehören. Pflegeheime und Gefängnisse empfangen keinen Besuch mehr, Sozialzentren schließen, Wohneinrichtungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen, oder Frauenhäuser bangen, wann der erste interne Corona-Fall auftritt und Mitarbeiter*innen vielleicht für zwei Wochen mit den Menschen unter höchstem psychischen Druck in Quarantäne sind. Die Stärke würde wohl gerade jetzt in Gemeinschaftsformen liegen, die Diversität anerkennen und sich gegenseitig unterstützen.
Zu all dem kommt hinzu, dass so wenig über diese Punkte und dennoch so viel über unsere Wirtschaft gesprochen wird. Es ist eine Wirtschaft, deren zentrale Ideologie darin besteht, sich, um jeden Preis und absolut unflexibel in ihren Grundannahmen, selbst zu erhalten. Dies ist die bisher oberste Maxime. Die Ressourcen in der Welt – auch die Arbeitskraft – bleiben aber die gleichen, egal, welche Wirtschaftsideologie wir dem ganzen überziehen. Was wir damit machen, ist letztlich also unsere Entscheidung. (Ich persönlich erinnere mich gern daran, dass viele Dinge doch auch irgendwie unsere Entscheidungen bleiben.) Es wäre also auch absolut vorstellbar, dass Menschen plötzlich nicht mehr arbeiten MÜSSEN, um Geld verdienen zu MÜSSEN, um Geld ausgeben zu MÜSSEN, um…die Wirtschaft am laufen zu halten. Möglich ist es dann, wenn wir gemeinsam für bedingungslose Grundlagen wie z.B. Wohnraum, Krankenversorgung, Zugang zu Informationen, Mobilität und Nahrungsmittel sorgen. Und wenn unser Gehirn dazu in der Lage ist, uns dies soweit vorzustellen, heißt das auch, es ließe sich genauso anders gestalten.
Anstatt z.B. gerade weiter dreckige und diesen Planeten ausbeutende Industrien zu retten, sollten wir also zumindest schon einmal anfangen, konsequent in saubere zukunftstragende Wirtschaftszweige zu investieren.
Beim Thema “zukunftsfähig” komme ich auch zur letzten großen Wunde, in der ich gerade einen Finger spüre: unser Weltbild. In der Geschichte der medizinischen Entwicklung wurde auch die Perspektive auf Gesundheitserhalt und Krankheitsentstehung immer weiterentwickelt. Es kam zu public health (gesellschaftliche Perspektive), international Health und Tropenmedizin (mit immer noch bestehenden kolonialen Denkmustern), es entstand die Disziplin der global health (globale Perspektive) und nun ist es an der Zeit, das Wissen der planetary health zu etablieren und anzuwenden. Der Mensch ist kein in sich geschlossenes System, genauso wenig, wie es Nationalstaaten sind. Menschen sind Teil allen Lebens auf diesem Planeten und stehen mit ihrer Umwelt in stetiger Wechselbeziehung. Die Gesundheit der Menschen ist damit auch davon abhängig, wie “gesund” die Umwelt ist, die sie umgibt. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Virus als Zoonose (also von Tieren auf den Menschen übertragen) vorkommt. Bei HIV war es der Fall, auch bei Ebola und anderen (auch einschlägig bekannten und die Tage häufig erwähnten) Viren. Was diese Erkrankungen im Menschen gemeinsam haben ist, dass sie immer dort und dann auftraten, wo Menschen in hoher Geschwindigkeit in bisher (nahezu) vom Menschen unberührte Ökosysteme vorgedrungen sind – Städteexpansion, Rohstoffgewinnung, industrielle Landwirtschaft etc. (The Guardian) Bestimmte Viren, wie auch Covid-19 kamen innerhalb dieser Ökosysteme unter Tieren schon vorher vor, waren dort Teil eines Gleichgewichtes. Wenn nun in so ein System eingedrungen wird, ändern sich Lebensbedingungen, Ressourcen und das Gleichgewicht ist gestört. Das Virus breitet sich in Wirte (die Menschen) aus, zu denen es vorher noch gar keinen Kontakt hatte. Menschen reagieren anders darauf, sind nicht immun, erkranken. Im Lebensraum der Menschen herrschen zudem (gerade in einer global mobilen Welt und dicht gedrängten Städten) perfekte Bedingungen, um sich auszubreiten. Das so etwas passiert und auch, dass es genau so passiert, wie gerade, ist keine Überraschung. Es ist nicht neu und es ist absehbar, dass es wieder passieren wird – vor allem dann, wenn wir weiter so invasiv unserem alten Weltbild folgen, ohne es ausreichend zu reflektieren und weiterzuentwickeln.
Wir müssen verstehen, dass jedes kleinere System auch einem größeren zugeordnet und sein Bestehen und Wohlergehen von diesem abhängig ist. Das (i.d.R.) größte zugängliche System, mit dem wir im Einklang leben sollten, ist der Planet Erde an sich. Wir müssen wegkommen von all den ego-, euro-, ethno- und anderen -“zentrischen” Ideologien hin zu Solidarität, Verbundenheit und Fürsorge. Es ist an der Zeit, zu begreifen, dass der Erhalt unseres bisherigen Weltbildes und den dadurch herrschenden Machtstrukturen nur durch Mechanismen der Ausbeutung (fossiler Ressourcen, Arbeitskraft, Lebensraum, Kultur,…) aufrechterhalten werden kann. Dabei vergessen wir jedoch, dass all das in einem größerem System (Weltgemeinschaft) stattfindet, womit wir (Menschen) uns lediglich selbst bekämpfen. Wenn wir dies erkennen und verstehen, so sind wir in der Verantwortung, entsprechend unser weiteres Denken und Handeln daran auszurichten. Entsprechend unseres Handlungsspielraumes sind wir moralisch dazu verpflichtet, hier uns zu bemühen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gerade als Gesundheitssektor (aktuelle politische Ereignisse zeigen nur zu deutlich die Bedeutung dieses Sektors für politische Entscheidungen) ist der Spielraum groß und die richtigen Entscheidungen essenziell.

*Was wissen wir vs. was tun wir*

Es ist doch eigentlich alles gesagt. Alles wichtige wissen wir und können wir sehen und verstehen, wenn wir nur kollektiv die Augen öffnen und hinschauen.
Solch eine Krise entsteht nicht zufällig, auch nicht solch eine Pandemie und somit sollte sie auch nicht als “Naturkatastrophe” entpolitisiert werden.
Es ist auch klar, dass sich Dinge maßgeblich verändern werden…vielleicht zum Guten oder gar Besseren, vielleicht aber auch nicht. Die Richtung hängt eben auch von uns ab. Es ist mehr denn je Zeit für Visionen und gute Ideen. Oder wie es Naomi Klein sinngemäß beschreibt: in Zeiten einer Krise, wo wir auf unsere Basis zurückgeworfen werden und vieles des bisher Bewährten nicht mehr funktioniert, werden neue Ideen gebraucht und da kommt es dann darauf, welche Ideen denn gerade “herumliegen”. Einige Ideen schienen bisher vielleicht als zu radikal und zeigen sich nun als die einzig sinnvollen. Es ist nur eine Frage, wer sich mehr für seine Ideen einsetzt, als andere; es ist nicht die Zeit, sich in Panik, Verleugnung oder Passivität auf die Angst zu beziehen – es ist die Zeit, zu gestalten.

Die Welt ist mehr als Corona!

Posted in #meinung, #organisierung, #utopie, deutsch.


So it begins …

Unser Autor eza arbeitet im Krankenhaus, seit kurzem in der Einarbeitung auf der Intensivstation. Aus der Perspektive von „drinnen“ sieht die Coronapandemie wahrscheinlich noch einmal ganz anders aus als „draußen“, wo es plötzlich ganz neue Regeln des Zusammenlebens – und vor allem des nicht-Zusammentreffens – gibt. Wir wollen auf diesem Blog auch eine Gelegenheit bieten, gelegentlich eine Blick nach „drinnen“, hinter die Kulissen des stationären Gesundheitsbetriebs, zu werfen.

Am Patientenbett ist es ganz unspektakulär. Nach Feierabend überkommt mich aber doch für einen Moment ein seltsames Gefühl, wie im Film zu Anfang der epischen Schlacht, wenn plötzlich die Filmmusik laut wird: Seit heute beteilige ich mich an der Versorgung des ersten COVID-19-Patienten auf unserer Intensivstation.

Letzte Woche die Ruhe vor dem Sturm: Der Normalbetrieb im Krankenhaus ist soweit möglich heruntergefahren, in die Notaufnahme kommen wesentlich weniger Menschen, Stationen werden zunehmend leerer und das Personal hat dann doch mal wenigstens eine Schicht, um sich auf der neu eingerichteten Isolationsstation vorzubereiten, die gerade rechtzeitig bereit gestellt wurde. Auf den Fluren und in den Aufenthaltsräumen ist so viel Zeit wie sonst nie, um die neuesten Informationen auszutauschen, Meinungen zu hören, was jetzt das beste wäre, Ängste zu teilen oder Pläne zu entwickeln. Wie unterschiedlich Menschen auf die Ungewissheit reagieren, dazu mehr in einem anderen Beitrag.

Und dann ist nach dem Wochenende der erste Patient da und auf einmal ist alles ganz entspannt, eigentlich wie immer. Die Beatmung muss regelmäßig an die Blutgasanalysen angepasst werden, dazu drückt man ein paar Knöpfe und dreht am Regler. Die Flüssigkeitsgaben und die ausgeschiedene Urinmenge müssen gemessen und danach die Infusionsmenge für den nächsten Tag festgelegt werden. Wir diskutieren, ob der Patient besser auf dem Rücken, auf der Seite oder auf dem Bauch liegen sollte und wann wir ihn gemeinsam drehen. Natürlich ist alles etwas umständlicher, weil wir vor Betreten des Zimmers Schutzkittel, Atemmaske und Brillen anlegen müssen und penibel darauf achten, die Tür zum Vorraum geschlossen zu halten, damit die Unterdruckbelüftung funktioniert. Aber eigentlich ist das Verfahren das gleiche wie bei Patienten mit Grippe und relativ ähnlich wie bei Patienten mit multiresistenten Erregern („Krankenhauskeimen“) – also nichts wirklich besonderes. Von den Kolleg*innen, die diesen Patienten betreuen, hört man keine Ängste oder Vorbehalte mehr, sondern professionelle Informationen oder Rückfragen. Und spätestens diese Professionalität beruhigt dann auch alle anderen.

Erst am Nachmittag kommt dann der Gedanke auf, dass es ganz so einfach auch nicht ist. Jetzt haben wir einen Patienten, bei dem wir mehrere Minuten brauchen, um die Schutzkleidung anzulegen, bevor wir zu ihm gehen, und noch einmal eine ganze Weile, um sie korrekt und ohne Kontaminationsrisiko wieder abzulegen. Statistisch könnten es schon nächste Woche zehn Patienten sein, die wir betreuen müssen – und dann wird es zeitlich eng. Wenn auch noch Personal krank wird und ausfällt, drohen dann doch Situationen wie aus manchen Krankenhäusern in Norditalien berichtet?

Posted in #krankenhaus, #tagebuch, deutsch.


Erwartungshaltungen: Sozialstudie in der Ruhe vor dem Sturm

In den letzten Tagen war die Anspannung überall zu spüren: Noch gibt es auf der Krankenhausstation unseres Autoren keine Patienten mit COVID-19 zu behandeln, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit. Die Möglichkeiten, mit dieser Anspannung umzugehen, sind ganz vielfältig. Ein nicht immer ganz ernst gemeinter, aber doch ziemlich wirklichkeitsnaher Versuch, das Verhalten von Gesundheitsarbeiter*innen in der Erwartung auf das Losbrechen des Sturms zu skizzieren.

  • Die Bastlerin lässt sich durch fehlendes Material nicht erschrecken. Es gibt keinen Schutz gegen ansteckende Spritzer im Gesicht? Kein Problem: Aus Laminierfolie, Schaumstoffband und einem Tacker lassen sich in wenigen Stunden Arbeit durchaus praxistaugliche Visiere basteln. Das bringt Anerkennung von allen Kollegen, wenn man in der Mittagspause endlich wieder auftaucht und immerhin zwei Stück davon produziert hat.
  • Der Schwarzmaler wusste schon Anfang Januar 2020, dass die Katastrophe auf uns zu kommt. Eigentlich war es schon immer absehbar, dass irgendwann die Menschheit von einer Epidemie dahingerafft wird und die moderne Medizin versagt. Es gibt viel zuwenig Schutzausrüstung. Und die Kolleg*innen werden wegsterben wie die Fliegen. Nachdem er das losgeworden ist und eine Tasse Kaffee getrunken hat, kann er dann aber auch ganz normal weiterarbeiten, sobald er gebraucht wird. Notfalls sogar ohne Handschuhe und ohne die Hände zu waschen.
  • Die Hobby-Epidemiologin weiß heute schon, wie viele Infizierte es Ende nächster Woche geben wird. Und natürlich hat sie spätestens Mitte Januar gewarnt, dass eine Pandemie droht und effektive Bekämpfungsmaßnahmen nötig sind – ebenso wie die Schaffung von Behandlungskapazitäten, falls das Containment versagt. Sie äußert zähneknirschend Zustimmung zu den Maßnahmen des “Social Distancing” die nun notwendig sind, weil niemand auf sie hören wollte.
  • Der Pragmatiker hätte sich gefreut, wenn die Pandemie gestoppt worden wäre, bevor sie richtig ausbrechen konnte. Da das nicht geklappt hat, muss er nun halt auf seinen Urlaub verzichten. So ist das halt, wenn man einen systemrelevanten Job hat. Momentan gibt es noch genug Schutzausrüstung – das ist gut. Wird sie knapp, dann wird es trotzdem auch irgendwie weitergehen. Die Sterblichkeit für Menschen unter 65 Jahren und ohne schlimmere Vorerkrankungen liegt ja wahrscheinlich auch nur im einstelligen Prozentbereich. Und wenn es mehr Personal braucht? Dann wechselt man sich eben in 12-Stunden-Schichten ab und schläft gleich im Krankenhaus.
  • Die Todesmutige fühlt sich endlich einmal wirklich gebraucht. Sie meldet sich freiwillig für die Isolationsstation, auch wenn es keine Schutzausrüstung mehr geben sollte. Dafür hat sie sich diesen Job doch ausgesucht, endlich kann sie ihrer wahren Bestimmung nachkommen, sich für die Patient*innen aufzuopfern. Wenn sie an COVID-19 oder an Übermüdung sterben sollte, wird man ihren Heldenmut zumindest nie vergessen.

Ok. Ich gebe es ja zu: Ein bisschen von diesen Figuren steckt doch in uns allen, oder?

Posted in #krankenhaus, #poetry, #tagebuch, deutsch.


Debattenbeitrag zur Coronakrise

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Wir sind Menschen, die das Thema Gesundheit seit vielen Jahren beschäftigt. Zusammen setzen wir uns damit auseinander, wie Gesundheit und Krankheit von den (kapitalistischen) Verhältnissen, in denen wir leben, beeinflusst werden (1). Unser Ziel ist es, ein Stadtteilgesundheitszentrum aufzubauen, das sogenannte soziale Determinanten, also z.B. Einkommensunterschiede, Lebens- und Arbeitsbedingungen und Diskriminierungserfahrung, als wesentliche Einflussfaktoren für die Entstehung von Gesundheit und Krankheit begreift und Verhältnisse konkret verändern will. Zurzeit bieten wir noch keine medizinische Versorgung an. Auch wir haben keinen Masterplan für die jetzige Situation und unsere Überlegungen haben keinen Anspruch darauf, die Situation allumfassend zu analysieren. Genau wie für alle anderen Menschen ist diese Situation für uns neu. Gerade deswegen finden wir eine Reflexion der Geschehnisse und einen Austausch aus herrschaftskritischer Perspektive wichtig.

Corona trifft nicht alle Menschen gleich

Menschen mit Vorerkrankungen sind stärker durch eine Coronavirus- Infektion bedroht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung bei ihnen einen schweren Verlauf nimmt, ist – nach jetzigen Zahlen – deutlich größer. Vorerkrankungen sind in der Gesellschaft aber nicht gleich verteilt. Arme Menschen sind im Durchschnitt kränker als reiche Menschen. Die Verhältnisse, in denen Menschen leben, haben einen großen Einfluss auf ihren Gesundheitszustand. Ärmere Menschen sind damit von den gesundheitlichen Folgen des Virus mehr betroffenen als Reiche. Die Unterschiede im Zugang zu medizinischer Versorgung kommen hier noch dazu.

Neben den gesundheitlichen Folgen treffen auch die Arbeits- und Alltagseinschränkungen die Vulnerablen der Gesellschaft stärker: Menschen aus prekären Arbeitsverhältnissen, die im Krankheitsfall oder bei einem Lock Down keine Lohnfortzahlung bekommen, sind in vielen Fällen sehr schnell in finanziell existentiell bedrohlichen Situationen. Dies betrifft u.a. Künstler_innen, Minijobber_innen, Sexarbeiter_innen, Arbeitsmigrant_innen und Freiberufler_innen. Viele Tafeln schließen ihre Türen, wodurch eine Lebensmittelversorgung von Menschen, die darauf angewiesen sind, plötzlich fehlt. Beratungsstellen schließen und wohnungslose Menschen haben weder Zugang zu sicheren Räumen noch zu Geld. In China und Italien zeigt sich bereits, dass im Ausnahmezustand häusliche und sexualisierte Gewalt (v.a. gegen Frauen und Kinder) deutlich zunimmt.(3) Während Gemeinschaftseinrichtungen geschlossen und größere Menschenansammlungen verhindert werden, leben Geflüchtete in zunehmend überfüllten Massenunterkünften, in denen ihnen trotz geschlossener Beratungsstellen und nicht verfügbarer Anwält_innen weiterhin abgelehnte Asylbescheide drohen. (4)
In Deutschland wie auch weltweit trifft der Virus somit sowohl in seinen gesundheitlichen als auch in seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen die ärmeren und vulnerablen Menschen in unserer Bevölkerung deutlich härter als die Wohlhabenden (5)

Die Krise fällt nicht vom Himmel

Seit den 1980ern wird das Gesundheitswesen in Deutschland zunehmend ökonomisiert und privatisiert. (6) Die Milliarden aus den Beiträgen der lohnabhängig Arbeitenden dienen zu erheblichen Anteilen den Profiten der Pharma- und privaten Klinikkonzerne. Die dabei erreichte Qualität der medizinischen Angebote ist trotz vergleichsweise hohen Beträgen von ca. 1 Mrd. € pro Tag (7) nicht besser als in Systemen in Ländern mit geringeren Gesundheitsausgaben. Bereits vor der Corona-Pandemie befand sich das Gesundheitssystem in einem Krisenzustand.
Wirtschaftliche Überlegungen bestimmen statt medizinischer Notwendigkeiten über Behandlungen und Arbeitsbedingungen: Jährlich sterben 10.000-20.000 Menschen an vermeidbaren Krankenhausinfektionen (8), eine schwer zu beziffernde Zahl an Rücken-, Knie- und Hüftoperationen werden nicht zuletzt aus Profitgründen durchgeführt, Pflegekräfte werden weder anständig bezahlt noch in ihrer Arbeit gewürdigt und im ambulanten Bereich blüht zunehmend eine Kultur der privaten Nebeneinnahmen bei ebenfalls nur mäßiger Qualität und Menschlichkeit.

Bereits 2012 hat die Bundesregierung eine Risikoanalyse in Auftrag gegeben, die den Ausbruch eines “SARS”-Erregers im Rahmen einer Pandemie hier in Deutschland durchspielt.(9) Beinahe hellseherisch sind die Ähnlichkeiten zur aktuellen Situation. Die eindeutige Prognose der Risikoanalyse war, dass das Gesundheitssystem unter den Anforderungen zusammenbrechen würde. Doch anstatt eine Gesundheitsversorgung zu schaffen, die bestmöglich auf eine Pandemie vorbereitet ist, wurde das Gesundheitswesen immer weiter nach betriebswirtschaftlichen Kriterien und reiner ökonomischer Effizienz ausgerichtet. Das bekommen wir jetzt mehr denn je zu spüren. Maßnahmen wie Ausgangssperren, Betriebsschließungen, Kita- und Schulschließungen werden erst dadurch nötig, dass es die berechtige Sorge vor einem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung gibt.

Umgang mit der Ausnahmesituation

Es gibt konkrete Dinge, die wir als Individuen tun und beachten können.
Es fängt beim richtigen Händewaschen an. Es klingt banal und steht überall, doch ist es eine einfache und effektive Maßnahme.(10) Wir brauchen saubere Hände und es ist hilfreich, wenn wir wissen wie wir sie richtig waschen. Gleichzeitig geht in der ganzen „Händewaschen und Desinfizieren”- Predigt oft unter, dass sauber nicht gleich steril ist. Wir brauchen saubere Hände, keine sterilen. Das Außen ist nicht unser Feind: weder die Menschen im Nachbarhaus, noch auf der anderen Seite einer Grenze, noch die meisten der Mikroorganismen um uns herum. Die Vorstellung, dass wir alles säubern müssen und uns isolieren um uns zu schützen (egal ob vor Menschen oder Mikroorganismen) verursacht bei vielen Menschen Angst. Angst wiederum setzt in unserem Nervensystem Stresskaskaden in Gang, die unsere Kooperationsfähigkeit herabsetzen, eine innere Anspannung verursachen und unser Immunsystem schwächen.

Trefft überlegte Entscheidungen, wen ihr trefft und wen nicht. Nur weil diese Forderung gerade auch von staatlicher Seite kommt, wird sie damit nicht falsch. Das Schützen von Risikogruppen ist wichtig. Gleichzeitig sind aber auch die Auswirkungen von Einsamkeit und Isolation nicht zu unterschätzen. Erste Untersuchungen in China zeigen, wie dramatisch die psychosozialen Folgen einer massenhaften Quaratäne sind.(11) Menschen entwickeln Angstzustände, Depressionen, Suizidgedanken und Posttraumatische Belastungsstörungen. In jeder Situation müssen wir jetzt neu beurteilen, welches Verhalten wir für richtig halten und gleichzeitig aushalten, wenn wir nicht alle zu denselben Entscheidungen kommen. Machtstrukturen müssen besprechbar und kritisierbar bleiben ohne den moralischen Vorwurf, Risikogruppen nicht schützen zu wollen. Die jetzige Ausnahmesituation ist genauso vielschichtig wie das Leben immer ist und es lohnt sich zu versuchen, die verschiedenen Aspekte und Widersprüche zumindest anzuerkennen und möglichst diskutierbar zu machen.

Informationen darüber wie das Virus sich ausbreitet, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden, wie Freund_innen und Verbündete mit der Situation umgehen, sind wichtig. Dabei gilt es aber zu beachten, woher die Informationen kommen und ob es hilfreich ist sie zu verbreiten.(12) Auch in linken Kreisen kursieren erstaunlich viele Falschmeldungen und Gerüchte, die teilweise ernsthafte Folgen für Menschen haben. Die ständige Informationsflut versetzt unser Gehirn in eine dauerhafte Alarmbereitschaft und belastet dadurch Psyche und Immunsystem. Immer wieder müssen wir uns die Frage stellen, welche und wie viel Information uns gerade wirklich gut tut; auch wenn das Gefühl von vermeintlicher Kontrolle durch Wissen einen großen Reiz hat.

Und das wars?Individuelle Antworten und Verhaltensänderungen sind wichtig. Aber sie können und dürfen nicht die einzige Reaktion sein. Es ist wichtig im Blick zu behalten, dass es sich um keine persönliche und unpolitische Krise handelt. Es geht um gesellschaftliche und ökonomische Fragen und Auseinandersetzungen, die es schon vorher gab, die jetzt nur deutlicher hervortreten. Der Umgang mit diesen Themen muss politischer Natur sein und global gedacht werden:Wie würde diese Krise gerade verlaufen, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe? Was bedeutet es, wenn Grenzen geschlossen werden und nur Deutsche aus dem Ausland zurückgeflogen werden, während andere an den EU Außengrenzen getötet oder in Lager gesperrt werden? Wieso werden Menschen in Gefängnissen und Abschiebeknästen weiter isoliert statt evakuiert? Wie kann ein Gesundheitssystem aussehen, das sich am Gemeinwohl orientiert statt an wirtschaftlichem Profit? Sind es Fallpauschalen, die ein Krankenhaus zu einem guten Ort für Gesundheit machen oder doch eher eine gute Bezahlung, angemessene Arbeitszeiten und Wertschätzung der Beschäftigten? Welche Faktoren müssen mit einbezogen werden, wenn es uns wirklich um Gesundheit und nicht nur um Wiederherstellung für den Arbeitsmarkt geht? Inwieweit es richtig ist, Freiheits- und Bewegungsrechte einzuschränken, wird sich letztlich erst im Nachhinein zeigen. Auch ob sie wieder in Gänze zurückgenommen werden oder in abgeschwächter Form dauerhaft von der Bevölkerung akzeptiert werden. Es bleibt gerade deshalb weiterhin wichtig, sehr genau hinzuschauen, welche politischen Entscheidungen getroffen werden. Wir müssen aufpassen, dass autoritäre Phantasien nicht ohne Protest durchgewunken werden. Wir müssen aufpassen, dass in einem plötzlichen Wir-Gefühl eine herrschaftskritische Perspektive und eine grenzübergreifende Solidarität nicht mit dem letzten Desinfektionsmittel abgetötet wird. Es ist heute wichtiger denn je, Verantwortung zu übernehmen. Es reicht nicht, Zuhause zu bleiben und „social distancing” zu praktizieren. Wir müssen uns organisieren, und das nicht nur in unseren Peergroups. Dabei gilt es rauszufinden, wie Organisation, soziale Proteste und Interventionen aussehen können, bei keinen oder begrenzten Möglichkeiten sich zu sehen. Die gravierenden gesellschaftlichen Missstände hören ja nicht plötzlich wegen Corona auf. Besprecht untereinander aber auch, was die Situation in Euch auslöst. Gebt der Angst, Sorge, Ohnmacht und Wut Raum und verdeckt sie nicht mit Aktionismus, Rückzug und Zynismus.  Das Gefühl von Solidarität wird nun an vielen Orten spürbar, jedoch müssen wir sehr gut aufpassen, dass wir alle Teil der entstehenden Gemeinschaften sind. Einzelne dürfen nicht aufgrund von einem anderen Pass, der fehlenden Mietzahlung oder Krankheit ausgeschlossen werden. Lasst uns fehlendes Geld, erlebte Ungerechtigkeit und all unsere Emotionen miteinander teilen. Erst dann kann hieraus etwas Neues entstehen. Diese Ausnahmesituation schafft neben all ihrem Leid und ihrer Verunsicherung auch einen großen Raum für Veränderung, Selbstorganisation und Solidarität. Der Unvorhersehbarkeit der Situation können wir auch mit Kreativität begegnen. Die Natur erholt sich ein Stück, Menschen merken wie es sich anfühlt, wenn ihr Alltag durchbrochen wird und sich dadurch neue Perspektiven ergeben. Gerade jetzt ist es wichtig, unsere Wahrnehmung nicht nur auf unsere Ängste zu richten, sondern auch auf die Chancen, die diese außergwöhnliche Situation mit sich bringt. Lasst uns die Krise nutzen, um auf die tieferliegenden Zusammenhänge aufmerksam zu machen und unsere Vorstellungen von einem solidarischen, gerechten und freien Miteinander auf diesem Planeten aktiv einzufordern und umzusetzen.Wir freuen uns über eure Einschätzungen und Gedanken

المساهمة في نقاش أزمة كورونا

نحن أشخاص نهتم بموضوع الصحة منذ سنوات. معاٌ، نحن ندرس كيف تتأثر الصحة والمرض بالظروف (الرأسمالية) التي نعيش فيها (1). هدفنا هو بناء مركز صحي في المنطقة لفهم ما يسمى المحددات الاجتماعية، على سبيل المثال التفاوت في الدخل وظروف المعيشة والعمل وتجربة التمييز العنصري، كعوامل أساسية لنشأة الصحة والمرض، ونحن نهدف أيضاٌ إلى تغيير الظروف بطريقة ملموسة .في الوقت الحاضر، لا نقدم رعاية طبية حتى الآن. كما أنه ليس لدينا خطة رئيسية للوضع الحالي وأفكارنا لا تدعي تحليل الوضع بطريقة شاملة. كما هو الحال لجميع الأشخاص، هذا الوضع جديد بالنسبة لنا. لهذا السبب بالذات، نجد أنه من المهم التفكير في الأحداث وتبادل وجهات النظر من منظور منتقد للنظام.

كورونا لا تصيب جميع الأشخاص على قدم المساواة

الأشخاص الذين يعانون من حالات موجودة مسبقاٌ أكثر عرضة لخطر الأصابة بفيروس كورونا. احتمالية أن يأخذ المرض عندهم مساراٌ صعباٌ، هو -وفقاٌ للأرقام الحالية- أكبر بكثير. ومع ذلك، فإن حالات المرض الموجودة مسبقاٌ ليست موزعة بالتساوي في المجتمع. في المتوسط، الفقراء هم مرضى أكثر من الأغنياء. الظروف التي يعيش فيها الناس لها تأثير كبير على حالتهم الصحية. وبالتالي فإن الفقراء أكثر تأثراٌ بالنتائج الصحية للفيروس من الأغنياء. وتضاف إلى ذلك الاختلافات في الحصول على الرعاية الطبية.

بالإضافة إلى العواقب الصحية، تؤثر القيود المفروضة على العمل والحياة اليومية أيضاٌ على أفراد المجتمع الضعفاء بشكل أكثر حدة: فالأشخاص، أصحاب علاقات العمل غير المستقرة، الذين لا يتلقون رواتب مستمرة في حالة المرض او الأغلاق يعانون بسرعة كبيرة من حالات التهديد المالي في كثير من الأحيان. وهذا يؤثر على الفنانين، العاملين في الأعمال الصغيرة، العاملين في مجال الجنس والعمال المهاجرين وأصحاب المهن الحرة وغيرهم. العديد من محلات التافل تغلق أبوابها، ونتيجة لذلك يفقد الأشخاص الذين يعتمدون عليها فجأة الإمدادات الغذائية. مراكز الاستشارة تغلق والأشخاص المشردين ليس لديهم إمكانية الوصول إلى أماكن آمنة ولا إلى المال. وقد ثبت بالفعل في الصين وإيطاليا أن العنف المنزلي والجنسي يزداد بشكل ملحوظ في حالة الطوارئ (خاصة ضد النساء الأطفال). (3) في حين يتم إغلاق المرافق الاجتماعية العامة ومنع تجمعات كبيرة من الناس، يعيش اللاجئون في مساكن جماعية مزدحمة بشكل متزايد، حيث لا يزالون مهددين بطلبات اللجوء المرفوضة على الرغم من مراكز الاستشارة المغلقة والمحامين غير المتاحين. (4)

في ألمانيا وكذلك في جميع أنحاء العالم، يؤثر الفيروس بالتالي في نتائجه الصحية والاقتصادية والاجتماعية على الناس الفقراء والضعفاء أكثر من الأغنياء. (5)

الأزمة لا تسقط من السماء

منذ الثمانينيات، أصبح نظام الرعاية الصحية في ألمانيا اقتصادياٌ وخاصاٌ بشكل متزايد. (6) تستخدم المليارات من مساهمات الموظفين الذين يتقاضون أجراٌ إلى حد كبير في أرباح مجموعات الأدوية والمستشفيات الخاصة. على الرغم من المبالغ المرتفعة نسبياٌ التي تبلغ حوالي مليار يورو يومياٌ (7)، إلا أن جودة الخدمات الطبية التي تم تحقيقها بهذه الطريقة ليست أفضل من الأنظمة في البلدان ذات الإنفاق الصحي المنخفض. حتى قبل وباء كورونا، كان نظام الرعاية الصحية في حالة أزمة. بدلاٌ من الضرورات الصحية، تقرر الاعتبارات الاقتصادية بشأن العلاجات وظروف العمل: في كل عام، يموت ما بين 10000 و20000 شخص من عدوى المستشفيات التي يمكن الوقاية منها (8)، ويصعب تحديد عدد عمليات الظهر، الركبة والورك التي لا يتم القيام بها لأسباب ربحية، العاملين في التمريض لا يتم دفع أجور جيدة لهم ولا يتم تقديرهم في عملهم، وفي قطاع العيادات الخارجية تزدهر ثقافة الدخل الإضافي الخاص بشكل متزايد، وكذلك بجودة معتدلة وأكثر أنسانية.

في عام 2012, طلبت الحكومة الألمانية إجراء تحليل للمخاطر في حالة تفشي مرض “سارس” كجزء من مرض وبائي هنا في ألمانيا. (9) إن أوجه التشابه مع الوضع الحالي تكاد تكون مستبصره. كان التنبؤ الواضح لتحليل المخاطر هو أن النظام الصحي سينهار تحت المطالب. ومع ذلك، فبدلاٌ من إنشاء نظام رعاية صحية معد بشكل جيد قدر الإمكان للوباء، كان نظام الرعاية الصحية موجهاٌ بشكل مستمر نحو معايير إدارة الأعمال والكفاءة الاقتصادية البحتة. نشعر بهذا الآن أكثر من أي وقت مضى. إن اتخاذ تدابير مثل حظر التجول، إغلاق الشركات وإغلاق رياض الأطفال والمدارس تصبح ضرورية فقط لأن هناك مخاوف مشروعة من انهيار الرعاية الصحية.

التعامل مع الوضع الاستثنائي

هناك أشياء ملموسة يمكننا القيام بها والانتباه لها كأفراد.

هذه الأشياء تبدأ بغسل أيدينا بشكل صحيح. هذا يبدو مبتذلاٌ ومكتوباٌ في كل مكان، ولكنه إجراء بسيط وفعال. (10) نحن نحتاج إلى أيدي نظيفة ومن المفيد ان نعرف كيفية غسلها بشكل صحيح. في الوقت نفسه، غالباٌ ما تفشل خطبة “غسل اليدين والتطهير” بالكامل في ذكر أن التنظيف ليس بالضرورة معقماٌ. نحن بحاجة إلى أيدي نظيفة وليست معقمة. الخارج ليس عدونا: لا الناس في المنزل المجاور، ولا على الجانب الآخر من الحدود، ولا معظم الكائنات الحية الدقيقة من حولنا. فكرة أن علينا تنظيف كل شيء وعزل أنفسنا لحماية أنفسنا (سواء من الناس أو الكائنات الحية الدقيقة) تسبب الخوف لدى الكثير من الناس. الخوف بدوره يحرك شلالات التوتر في نظامنا العصبي، مما يقلل من قدرتنا على التعاون، ويسبب التوتر الداخلي ويضعف جهاز المناعة لدينا.

 اتخذ قرارات مدروسة حول من تلتقي به ومن لا تلتقي به. فقط لأن هذا الطلب يأتي من الدولة ذلك لا يجعله خاطئاٌ. حماية المجموعات المعرضة للخطر امر مهم. في الوقت نفسه، لا ينبغي التقليل من آثار الوحدة والعزلة. تظهر الدراسات الأولية في الصين مدى تأثير العواقب النفسية والاجتماعية للحجر الصحي على الأشخاص. (11) يعاني الناس من حالات القلق، الاكتئاب، أفكار انتحارية واضطرابات ما بعد الصدمة. علينا الآن إعادة تقييم كل حالة، ما هو السلوك الذي نعتبره صحيحاٌ وفي نفس الوقت نستطيع تحمله. إذا لم نتخذ جميعاٌ نفس القرارات، يجب ان تظل هياكل السلطة مفتوحة للمناقشة والنقد دون اللوم الأخلاقي بعدم الرغبة في حماية الفئات المعرضة للخطر. الوضع الاستثنائي الحالي متعدد الجوانب مثلما هي الحياة دائماٌ، ومن الجدير المحاولة على الأقل الاعتراف بالجوانب المختلفة والتناقضات وجعلها قابلة للنقاش قدر الإمكان.

المهم هي معلومات حول كيفية انتشار الفيروس، وماهي التدابير السياسية التي يتم اتخاذها، وكيف يتعامل الأصدقاء والحلفاء مع الوضع. ولكن من المهم أيضاٌ النظر في مصدر المعلومات وما إذا كان من المفيد نشرها. (12) حتى في الدوائر اليسارية، هناك العديد من التقارير والشائعات الكاذبة المثيرة للدهشة، وبعضها له عواقب وخيمة على الناس. التدفق المستمر للمعلومات يضع دماغنا في حالة تأهب دائم وبالتالي يضع ضغطاٌ على النفس والجهاز المناعي لدينا. يجب أن نسأل أنفسنا مراراٌ وتكراراٌ السؤال التالي، ما مقدار المعلومات التي تفيدنا حقاٌ في الوقت الحالي؟ حتى لو كان شعور التحكم المفترض من خلال المعرفة يتمتع بجاذبية كبير.

هذا كان كل شيء؟

الإجابات الفردية والتغييرات السلوكية مهمة. لكنهم لا يستطيعون ويجب ألا يكونوا رد الفعل الوحيد. من المهم أن نأخذ في الاعتبار أن هذه ليست أزمة شخصية وغير سياسية. يتعلق الأمر بالمسائل والنزاعات الاجتماعية والاقتصادية التي كانت موجودة من قبل ولكنها أصبحت الآن أكثر بروزاٌ. يجب أن يكون التعامل مع هذه القضايا ذات طبيعة سياسية ويجب التفكير فيها من منظور عالمي:

كيف كانت ستسير هذه الأزمة إذا كان هناك دخل أساسي غير مشروط؟ ما الذي يعنيه أغلاق الحدود، ويتم إعادة الألمان فقط من الخارج، بينما يقتل آخرون على الحدود الخارجية للاتحاد الأوروبي أو يحبسون في المخيمات؟ لماذا يستمر عزل الأشخاص في السجون وسجون الترحيل بدلاٌ من إجلائهم؟ كيف يمكن أن يبدو النظام الصحي المبني على التوجه نحو الصالح العام بدلاٌ من الربح الاقتصادي؟ هل هي الأسعار الثابتة لكل حالة التي تجعل المستشفى مكاناٌ جيداٌ للصحة أم أنها بالأحرى أجر جيد، ساعات عمل مناسبة وتقدير الموظفين؟ ما هي العوامل التي يجب أخذها في الاعتبار إذا كنا نهتم حقاٌ بالصحة وليس فقط التعافي من أجل للعمل؟

ما هو الحد الذي يصح فيه تقييد حقوق الحرية والتنقل سوف يتضح في نهاية المطاف فقط. وكذلك ما إذا كان سيتم إعادتهم بالكامل أو بشكل محدد وإذا ما كان سيتم قبولهم من قبل السكان على أساس دائم. لهذا السبب بالذات، يبقى من المهم أن نراقب عن كثب القرارات السياسية المتخذة. يجب أن نكون حذرين من ألا يتم التلويح بالأوهام الاستبدادية دون احتجاج. يجب أن نكون حذرين انه من خلال شعور “نحن” المفاجئ، ألا يتم قتل المفهوم الناقد للسلطة والتضامن عبر الحدود مع المطهر الأخير.

اليوم أصبح من المهم أكثر من أي وقت مضى تحمل المسؤولية. لا يكفي البقاء في المنزل وممارسة “الإبعاد الاجتماعي”. يجب أن ننظم أنفسنا، وليس فقط في مجموعات الأقران. علينا أن نكتشف كيف يمكن أن تبدو المنظمة والاحتجاجات والتدخلات الاجتماعية، مع عدم وجود أو إمكانيات محدودة لرؤية بعضنا البعض. إن المظالم الاجتماعية الخطيرة لا تتوقف فجأة بسبب كورونا. ناقشوا فيما بينكم ولكن أيضا ما الذي يسببه الوضع فيكم. امنح مساحة للخوف والقلق والعجز والغضب ولا تغطيهم بالحركة والتراجع أو التهكم.

يمكن الإحساس بشعور التضامن الآن في العديد من الأماكن، ولكن يجب أن نكون حذرين للغاية لأن نكون جميعًا جزء من المجتمعات الناشئة. لا يجب استبعاد الأفراد بسبب جواز سفر آخر أو نقص الإيجار أو المرض. دعونا نتشارك نقص المال، الظلم وجميع مشاعرنا. عندها فقط يمكن أن يظهر شيء جديد من هذا.

هذا الوضع الاستثنائي، بالإضافة إلى كل المعاناة وانعدام الأمن، فأنه يخلق أيضًا مساحة كبيرة للتغيير والتنظيم الذاتي والتضامن. يمكننا أيضًا مواجهة عدم القدرة على التنبؤ بالوضع بالإبداع. الطبيعة تتعافى قليلاً، الناس يلاحظون ما هو الشعور عندما تتكسر حياتهم اليومية وتنشأ وجهات نظر جديدة. خاصة الآن من المهم عدم تركيز إحساسنا وإدراكنا فقط على مخاوفنا، بل أيضًا على الفرص التي يجلبها هذا الوضع الاستثنائي معه. دعونا نستخدم الأزمة لتوجيه الانتباه إلى الروابط الأعمق والمطالبة النشطة وبالإضافة إلى تنفيذ أفكارنا حول تعايش تضامني وعادل وحر على هذا الكوكب

 

http://poliklinik1.org/sdg
https://taz.de/Frauenhaeuser-in-der-Corona-Krise/!5668969/
https://www.frnrw.de/top/artikel/f/r/pm-fluechtlinge-vor-corona-schuetzen.html
https://www.dw.com/de/wie-die-corona-krise-obdachlose-trifft/a-52862531
https://www.krankenhaus-statt-fabrik.de/129
https://www.tagesspiegel.de/politik/mehr-als-eine-milliarde-euro-pro-tag-ausgaben-fuer-gesundheit-erreichen-neuen-rekord/24131204.html
https://www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2019/14_2019.html
https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf
10https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Hygiene.html
11https://www.sueddeutsche.de/politik/china-coronavirus-pandemie-soziale-folgen-isolation-quarantaene-1.4852392?reduced=true
12 https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public/myth-busters

Posted in #meinung, #organisierung, deutsch, عربي.


12. März

Auf einmal geht alles ganz schnell. Die Maschinen stehen still. Die Grenzen sind zu. Die Flugzeuge am Boden. Alle bleiben dort, wo sie eben gerade sind. Und verfolgen gebannt das Tempo, mit dem sich alles verändert. Der Horizont politisch-gesellschaftlicher Entscheidungen liegt nicht mehr bei Jahren bis Jahrzehnten – Rente, Kohleausstieg, die nächste Wahl; ja nichts tun, an das sich die Wirtschaft nicht behutsam anpassen kann. Auf einmal werden Entscheidungen getroffen, die unser Leben übermorgen oder in der Woche darauf massiv verändern werden. Ein Hauch von revolutionärer Situation liegt in der Luft.

Eines ist gewiss: Wenn der Coronavirus uns nicht mehr beschäftigt, wird niemand mehr behaupten können, dass schnelle Entscheidungen, Umstellung von Wirtschaft, Tourismus, Alltag, nicht möglich sind.

Leider nicht ganz so, wie wir es uns vielleicht im Geheimen immer mal erträumt haben. Zum Glück auch nicht so schlimm wie wir es gelegentlich befürchtet haben. Weder November 1918 noch Januar 1933. Wem das zu pathetisch klingt, hat wahrscheinlich die Reden von Politiker*innen wie Wissenschaftler*innen der letzten Tage nicht gelesen. Wer die Nachrichtenticker verfolgt könnte meinen, ein Krieg ist ausgebrochen:  “Wir werden das Virus besiegen. Aber in was für einer Gesellschaft wir danach leben werden, und in was für einer Welt, das hängt davon ab, wie wir heute handeln.” (Bundespräsident Steinmeier 16.03.2020).

Nachdenklich stimmt, dass die Geschwindigkeit vor allem von Angstreaktionen getrieben zu sein scheint, weniger von vorausschauendem proaktiven Handeln aus Vernunft und Solidarität. Nachdenklich stimmt auch, dass nach Verboten gerufen wird, selbst aus progressiven, linken Kreisen – und niemand wirklich sicher ist, ob es auch ohne Verbote gehen würde. In einem Moment bin ich niedergeschlagen, weil ich nicht ausschließen kann, dass so viel unvernünftiges Verhalten nur durch Verbote in Schach gehalten werden kann. Im nächsten Moment bin ich euphorisch von der (so scheint es mir) ausgewogen dosierten Mischung aus solidarischem Zusammenhalt und physischem Abstand in Projekten wie “Soli statt Hamstern”.

Viele von uns sind seit Jahren politisch aktiv: Manche eher in der Antirassismusarbeit, der Unterstützung für Geflüchtete, zuletzt viele in Themenbereichen rund um die Klimakatastrophe. Sicher kennen alle von uns das Gefühl, dass wir uns so oft und intensiv engagieren müssen und dann bewegen sich die Dinge nur ein winziges Stück. Alles geht viel zu langsam. Gleichzeitig hören wir oft das Diskussionsmotiv, dass sich andere Menschen – die uns eher fremd sind – von der Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen überrollt fühlen. In diesen Tagen erlebe ich das erste Mal in meinem Leben, dass sich soziale Gewissheiten schneller verändern, als ich hinterherkomme. Vielleicht ist das die zentrale Eigenschaft von historischen Augenblicken?

Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass die Zukunft nicht festgelegt ist. Wir können noch immer beeinflussen, wie viele Menschen in zwei, drei Wochen krank sein werden. Wir können aber auch – und das ist vielleicht viel wichtiger – beeinflussen, ob der “Krieg gegen die Krankheit” die Gesellschaft um uns herum noch autoritärer oder wieder etwas solidarischer machen kann.

Posted in #poetry, deutsch.


Corona: Chancen, Risiken und Nebenwirkungen

Diskussionsbeiträge. Gedankenspiele. Solidarität und Visionen im Virtuellen Raum.

Auch wir haben eine Meinung beizutragen.

Hinter diesem Blog steht eine Gruppe von Menschen – politisch und freundschaftlich verbunden. Die Meisten von uns sind im Gesundheitswesen tätig. Gleichzeitig sehen wir uns auch als politische Aktivist*innen. Wir veröffentlichen hier verschiedene, sicherlich immer vorläufige Gedanken, die durch kommende Diskussionen weiterentwickelt werden. Gerne nehmen wir Antworten und Kritik an. Allerdings haben wir uns vorerst dagegen entschieden, eine direkte Kommentarfunktion zu ermöglichen, weil wir die Administration nicht leisten können.

Stattdessen könnt ihr uns unter coronablog_comments@riseup.net gern Anmerkungen u.ä. senden.

Es ist ein Versuch, einen Beitrag zu leisten, Fragen aufzuwerfen, zu motivieren und den aktuellen Diskurs und damit unsere Ideen und auch unsere zukünftige Realität mitzugestalten – also handlungsfähig zu bleiben und zu werden.

Und gerade hier ist die Frage danach, welche Ideen in Zeiten einer Krise offen in Diskussionen, unseren Köpfen oder irgendwelchen Schubladen “herumliegen”. Wir sind in einer Phase, in der sich rapide sehr vieles verändert und gleichzeitig riesiges Potential ist, noch mehr zu verändern. Und es ist hier die Frage, wer sich mehr für seine*ihre Ideen einsetzt und dieses Potential gestaltet. (vgl. Naomi Klein)

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